Die Sessionmitschnitte
von Bong Arz
sind lizensiert
unter Creative Commons
Creative Commons Lizenzvertrag

Bong Arz

frei improvisierte Musik



19.06.2009 Waves and Spherics


"Waves and Spherics" beginnt fast identisch wie "Hypnotic Twilight Poetry" eine Woche vorher. Keyboard-, und Guitarrensound sind die gleichen, und die Stimme verhält sich ähnlich zu beiden. Das Stück entwickelt sich dann aber bald deutlich anders. Tatsächlich lässt sich "Waves and Spherics" als Fortsetzung von "Hypnotic Twilight Poetry" verstehen. Unbewusst hat sich dies so gestaltet. Die aktuelle Session kann man als Aufarbeitung der vorwöchigen Session empfinden. Der Impuls dazu geht in erster Linie vom Keyboard aus.

Die Entwicklung weg vom vorwöchigen Verlauf setzt bei 02:40 ein. Hier hört das Keyboard auf, den durchgehenden Sound zu halten. Dies ergibt eine Zäsur, auch weil die Stimme darauf reagiert. Trotzdem: Vorerst holt das Keyboard, wie in der vorherigen Woche, die Stimme nocheinmal ab zu einem Aufschwung in eine glitzernd sphärische Weite. Aber das Keyboard geht dann mit dem Sound anders um. Es bleibt nicht in der überspannenden Höhe, sondern geht vom Sound und vom Spiel her in einen eher stimmlichen Ausdruck.

Jetzt übernimmt dafür die Flöte den Weg in das überindividuell Überspannende (06:16). Ähnlich wie bei "Hypnotic Twilight Poetry" wird daraus aber ein Ruf des Klangkörperlichen in diese Höhe hinauf. Die Flöte repräsentiert nicht selbst diese Höhe. Das Keyboard (07:50) geht harmonisch und klanglich subtil mit seiner neuen Rolle um und verformt sich selbst zu einem schmerzverzerrten Klangkörper. Der Abstieg aus den überspannend glitzernden Weiten ist hier mit einem Schmerzensschrei verbunden. Daraus ergibt sich nun tatsächlich ein ganz anderer musikalischer Verlauf als bei "Hypnotic Twilight Poetry".

Nach dem Existenzschrei des Klangkörper gewordenen Keyboardsounds erfolgt aus einem Moment der Stille eine Zäsur hin zu einer analytischen Innenschau des individuell Ausgesetzten (08:38). Angeführt von der Flöte und kommentiert vom Keyboard. Die Guitarre ist dicht bei, aber in einer stabileren Atmosphäre. Keyboard und Flöte wirken dagegen zerbrechlich angerührt.

Ab 11:38 initiiert die Stimme eine Wandlung aus der Betroffenheit heraus in ein selbstbewusstes musikalisch existentielles Statement. Hierbei ist die Guitarre begleitend unterstützend, in dem sie eine vital selbstbewusste Kraft klingen lässt.

13:53 verkultiviert sich die existentielle Betroffenheit in einem weiteren Schritt. Wieder initiiert und geführt von der Flöte. Das Keyboard kommentiert bestätigend, während die Guitarre sich von den Verkultivierungsversuchen nicht vereinnahmen lassen möchte, sogar vermehrt warnend Widerstand leistet.

Sehr schnell ist eine andere Ebene der Gemeinsamkeit präsent (16:54). Die Warnungen der Guitarre sind plötzlich verstummt. Die Pole haben sich geweitet. Das Existentielle ist gewürdigt worden und wird in einem schamanischen Gesang zu einem vertrauensvollen Kraftausdruck. Jetzt kann plötzlich der Keyboardsound zurückkehren in die glitzernd, alles überspannende Klangsphäre, gelassen und in sich ruhend.

In zwei Schritten - 17:40 und 18:40 - vergeistigt sich der Keyboardsound nocheinmal. In diese Stimmung hinein holt nun die Stimme sanft zu einer Ballade aus (19:20). Das gemeinsame Spiel, die Guitarre nun darin vereint, verbreitert diese Stimmung und vertieft sie. Nach der Ballade holt nun auch die Flöte (23:00) zu einem langen balladesken Bogen aus, der subtil seine Kontrapunkte von Keyboard und Guitarre erhält. Das eigentliche musikalische Traggerüst liefert das Keyboard, wie von Anfang an und weiter bis zum Schluss. Zum Ende dieses Abschnitts (25:40) wird die Ballade nocheinmal schamanisch transzendent jubelnd. Ein nun ständiger Puls, der sowohl vom Keyboard, wie von der Guitarre ausgeht, vertieft die Empfindung des aufgehoben Vitalen.

Aber es kommt nocheinmal zu einer suchenden Innenschau. Dabei lösen sich die Haltepunkte plötzlich auf (28:05). Doch die Flöte tritt wie ein Lotse auf, der durch diese Untiefe des Sinnhaften führt (28:36 bis 29:58).

Schluss ab 30:10: Keyboard und Guitarre, zwar wieder in einer selbstversicherten Gelassenheit, gehen nun in eine betrachtende Distanz, selbstvergessen, sinnierend. Das Keyboard mit einem leichten Ausdruck von Wehmut. Die Guitarre drückt wehrhaft Kraft aus. Die Stimme begleitet distanziert. Wie bei "Hypnotic Twilight Poetry" in vorheriger Woche, sprüht nun ganz zum Schluss die Guitarre, in den sanften Rückzug der anderen musikalischen Stimmen hinein, die sternschnuppenhaft glitzernde Klangsphäre, um die es in dem ganzen Stück als emotionales Zentrum immer wieder ging.